Präsentismus: Das unsichtbare Risiko in Unternehmen
veröffentlicht am 15. März 2026
Wenn Mitarbeitende krank zur Arbeit kommen
Alle Unternehmen messen und schauen auf ihre Fehlzeiten. Was sie dabei oft übersehen und was auch nur schwer messbar ist: Mitarbeitende, die krank arbeiten.
Präsentismus: Menschen gehen mit gesundheitlichen Beschwerden und krank zur Arbeit, anstatt sich zuhause zu erholen.
Absentismus: Das Gegenteil von Präsentismus. Menschen bleiben zuhause, obwohl sie fit genug wären um zur Arbeit zu gehen.
Gesundheitliche Folgen
Präsentismus ist gefährlicher als viele denken. Denn wer krank arbeitet, ist nicht nur leistungsgehemmt. Viel schlimmer sind:
- Fehler nehmen zu
- Erschöpfung steigt
- verlängerte oder verschleppte Krankheitsverläufe
- höhere Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen
- steigendes Risiko für Burnout und Depressionen
Präsentismus verschiebt Fehlzeiten häufig nur in die Zukunft.
Wer schon bei meinen Vorträgen dabei war, kennt vielleicht die wahre Geschichte von Sonja. Eine unglaublich loyale und wirkliche Perle von Mitarbeiterin, die genau deswegen fast ihr Bein verloren hätte! Oder denkt man an den durch Krankheit geschwächten LKW Fahrer, der seinen 40 Tonner auf der Autobahn auf ein Stauende zubewegt.
Laut einer DBG Studie gaben 63 Prozent der Befragten Beschäftigten an, auch gearbeitet zu haben, obwohl sie sich ‚richtig krank‘ fühlten. Rund jede:r Fünfte ging weniger als eine Woche krank zur Arbeit. 44 Prozent arbeiteten sogar länger als eine Woche trotz Krankheit (einblick DGB 02/2025)
Doch sind wir ehrlich:
Ich kenne keine Führungskraft, die nicht schon froh gewesen war, dass jemand aus dem Team angeschlagen zur Arbeit kam, um etwas dringendes oder wichtiges fertigzustellen.
Und ich denke sogar, dass dies >90% der Beschäftigten auch schon getan haben.
Präsentismus beruht zumeist auf einem Übermaß an Engagement in Verbindung mit einer vorherrschenden betrieblichen Kultur.
In vielen Unternehmen wird krankes Arbeiten still akzeptiert. Und oftmals: Wer trotz Beschwerden „durchzieht“, gilt als engagiert. Doch da liegt die Gefahr. Denn Präsentismus ist oft ein Hinweis auf:
- zu hohen Arbeitsdruck
- fehlende Vertretungsregelungen und Verantwortungsgefühl gegenüber dem Team
- unsichere Führung
- eine Kultur, in der Gesundheit nachrangig ist
- Angst vor Karrierenachteilen
- Verlust von Anwesenheitsprämien
Und wie ist das mit Präsentismus im Homeoffice?
Mit der zunehmenden Verbreitung von Homeoffice, hat das Thema Präsentismus eine neue Dimension bekommen.
Homeoffice senkt die Hemmschwelle krank zu arbeiten.
Im Homeoffice fällt die Entscheidung trotz Krankheit zu arbeiten oft leichter:
- kein mühsamer Arbeitsweg
- geringere Sichtbarkeit von Krankheit
- digitale Erreichbarkeit
- Keine Ansteckungsgefahr
Ein typischer Gedanke vieler Beschäftigter lautet: „Ich kann ja zumindest ein paar Mails beantworten.“
Homeoffice als Verstärker von Präsentismus
Diese Entwicklung wird durch zwei Faktoren verstärkt:
- digitale Erreichbarkeit
Kommunikationstools ermöglichen Verfügbarkeit von überall aus. - unsichtbare Belastung
Führungskräfte erkennen gesundheitliche Probleme im Remote-Setting oft später oder gar nicht.
Mit der zunehmenden Verlagerung von Arbeit ins Digitale wird Präsentismus daher zu einer wichtigen Führungsherausforderung.
Die Rolle der Führungskräfte
Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung, sowie bei der Vermeidung von Präsentismus.
Sie können Präsentismus reduzieren, indem sie:
- realistische Arbeitslasten planen
- Vertretungsstrukturen schaffen
- offene Kommunikation über Gesundheit fördern und Fehlzeiten enttabuisieren
- krankheitsbedingte Auszeiten akzeptieren
Gesunde Führung bedeutet daher auch, echtes Kranksein zu legitimieren und kranke Mitarbeitende nach Hause zu schicken.
Führungskräfte prägen, ob Mitarbeitende sich auskurieren oder sich krank zur Arbeit schleppen. Nicht durch schöne Leitbilder an den Wänden, sondern durch ihr tägliches Verhalten und eingreifen.
Kosten für Präsentismus
Für Unternehmen wirkt Präsentismus zunächst positiv: Mitarbeitende erscheinen trotz Krankheit zur Arbeit und halten den Betrieb aufrecht. Doch wirtschaftlich betrachtet ist der Effekt oft genau umgekehrt.
Studien beziffern die Produktivitätsverluste durch kranke Angestellte am Arbeitsplatz auf das 2,6-Fache der medizinischen und pharmazeutischen Ausgaben. Andere Untersuchungen setzen die Verluste sogar siebenmal höher an als direkte Behandlungskosten. In Japan erreichten die Produktivitätseinbußen durch Präsentismus 46,73 Milliarden US-Dollar, gegenüber 1,85 Milliarden US-Dollar durch Fehlzeiten. (Golem Karrierewelt)
Leider ist Präsentismus nur schwer zu messen. Deshalb hier eine bereits ältere Studie aus den USA, die ich aber aufgrund des Verhältnisses beachtenswert finde. Hier kam man im Falle von Migräne zu dem Ergebnis, dass einem großen Unternehmen mit 80. 000 Mitarbeitenden, jährlich indirekte Krankheitskosten in Höhe von 21,5 Millionen Dollar entstehen, von denen 40 % auf Absentismus und 60 % auf Präsentismus zurückzuführen sind (Burton et al. 2002)
Und laut einer Studie der deutschen Felix Burda Stiftung kostet Präsentismus doppelt so viel wie krankheitsbedingte Fehlzeiten.
Die Ursachen dafür sind klar:
- geringere Konzentration
- mehr Fehler
- längere Bearbeitungszeiten
- höhere Unfallrisiken
Fazit:
Präsentismus ist ein Führungs- und Kulturthema!
Präsentismus ist kein individuelles Problem einzelner Mitarbeitender, sondern ein systemisches Thema der Arbeitskultur.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Präsentismus betrifft bis zu zwei Drittel der Beschäftigten.
- Die wirtschaftlichen Kosten können höher sein als bei Fehlzeiten.
- Homeoffice kann Präsentismus verstärken.
- Führungskräfte haben großen Einfluss auf das Verhalten ihrer Teams.
Eine moderne Arbeitskultur sollte deshalb nicht nur Fehlzeiten reduzieren wollen, sondern auch die Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig sichern.
Quellen
- Destatis – Homeoffice 2024
- TK-Studie zu Präsentismus und Homeoffice
- BAuA – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
- DGB Arbeitsmarktanalysen
- Haufe Personalmagazin
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